Inevitable – Was ist wirklich unvermeidbar am digitalen Wandel?

Inevitability in the digital realm is the result of momentum of an ongoing technological shift.“ Auf der Grundlage dieser Kernaussage benennt Kevin Kelly, Mitbegründer des Wired Magazine, in seinem Buch „The Inevitable – Understanding The 12 Technological Forces That Will Shape Our Future“ unvermeidbare Trends. In der Tat erscheint der digitale Wandel unausweichlich. Umso wichtiger wird der Diskurs darüber, wie dieser Wandel konkret aussehen soll – und wie wir die digitale Zukunft als Teilhaber mitgestalten wollen.

Unsere Welt in der progressiven Verlaufsform – wohin geht die Reise?
Anhand von 12 Trends beschreibt Kelly[1], wie sich die Welt, primär getrieben durch die Digitalisierung, verändert:

  1. Becoming: „We are constant newbies“,
  2. Cognifying: „ubiquitous artifical intelligence“,
  3. Flowing: „stocks to flows“,
  4. Screening: “all information will become liquid”,
  5. Accessing: “the availability of anything … immediately without owning”,
  6. Sharing: “everyone creates and it’s all shared”
  7. Filtering: “an exponentially expanding universe requires filtering based on who we are”,
  8. Remixing: “whatever is new is a remix of what exists”,
  9. Interacting: “interact with our devices and with others”,
  10. Tracking: “We will track and be tracked everywhere and everywhen”,
  11. Questioning: “creating a new level of organization where questioning is the norm”,
  12. Beginning: “These forces will shape our future and we are only at the beginning”.

Ohne auf jeden Trend detailliert einzugehen (oder in diesem Rahmen eingehen zu können), lässt sich zusammenfassend sagen, dass es um Transformation, Dynamisierung und Potenzierung in einem bislang unbekannten Ausmaß geht.

Potenzierung der menschlichen Möglichkeiten

Schaut man sich die Trends von Kelly näher an, so kann man – neben der „Verflüssigung“ von Produkte zu Prozessen – eine Potenzierung der menschlichen Möglichkeiten ausmachen. Ein gutes Beispiel bietet hier das „Remixing“ (8.). Kelly trifft den Kern der Sache, wenn er anführt: „All new technologies derive from a combination of technologies … [which] creates an unlimited number of new technologies“[2]. Die digitale Welt an sich ist ein Resultat dieses Remixing. Sie verbindet Wissen, Techniken und Technologien aller Zeiten (z.B. Zahlen, Buchstaben, Codes, Kabel, Elektrik, Elektronik, audio-visuelle Medien, etc.) und potenziert sie zu neuen Möglichkeiten für die Menschheit. Natürlich stellen sich in diesem Zusammenhang Fragen nach geistigem Eigentum, Patenten, etc. Mehr gesetzliche Steuerung[3] greift nach Kelly zu kurz, da der überkommene Eigentumsbegriff auf Prinzipien der agrarisch geprägten Gesellschaft beruht, der in der digitalen Welt nicht mehr den  Realitäten entspricht. Das Eigentum der Zukunft besteht nicht aus materiellen Gütern, sondern „intangible bits“, also immateriellen Dingen. Der Mehrwert für Dienstleister, Produktanbieter und Urheber ergibt sich aus Werten, die „besser als umsonst“ sind: Immediacy, Embodiment, Integration, Accessibility, Authenticity, Discoverability, Personalization, Liquidity.[4] Kelly geht davon aus, dass die Gesetze den Entwicklungen zwar langsam hinterherhinken, aber letztendlich folgen werden. Wie wenig sich die technologische Entwicklung durch gesetzgeberische Regelungen aufhalten lasse, zeigt sich auch beim Trend „Sharing“ (6.). 2001 wurde die P2P-Sharing-Plattform Napster nach Intervention der Musikindustrie vom Netz genommen. Jetzt wird Sharing von Riesen wie Apple und Amazon kommerziell betrieben.[5] Durchaus mit Folgen für die gesamte Industrie.

Tracking – Problem oder Chance?

Mit dem Trend „Tracking“ (10.)[6] begibt sich Kelly auf ein Feld, das von vielen Kritikern der allgegenwärtigen Digitalisierung als sehr problematisch gesehen wird. Stichworte sind hier „gläserner“ Bürger, Verbraucher, Mensch. Kelly sieht die Chancen der Vermessung eines Jeden durch Jeden (z.B. im Internet der Dinge, IoT) etwa in einer besseren Selbsterkenntnis, der Möglichkeit einer optimierten Gesundheitsversorgung, aber auch – und das ist überaus interessant – in einer Erweiterung der sinnlichen Möglichkeiten des Menschen. „Coveillance“ (frei übersetzt „Gegenseitige Überwachung“) wird nicht als Bedrohung[7], sondern als „natural state“ gesehen. Eine Gesellschaft muss transparent sein, weil Anoymität jedes soziale System zerstört. In Clans früherer Zeiten, so Kelly, gab es auch keine Privatheit im modernen Sinne.[8] Aber er geht noch weiter: „The internet makes true anonymity more possible today than ever before. At the same time the internet makes true anonymity in physical life much harder.”[9] Also, vereinfacht, die digitale Anonymität nimmt zu, während die Anonymität in der realen Welt schwieriger wird. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es hier – wie bei allen anderen aufgezeigten Trends – beträchtliche Chancen, aber auch Risiken gibt. Für das Ziel der Reise werden zwei Eventualitäten aufgezeigt: den Triumph der Superintelligenz („hard singularity“) oder das Wirken einer Artifiziellen Intelligenz (AI), die nicht so smart sein wird, dass sie uns versklaven kann („soft singularity“)[10]. Auch wenn Kelly die softe Variante für „more likely“ hält, steckt in seinen Visionen doch einiges Potenzial für beunruhigende Visionen. Doch wir müssen uns diesen Entwicklungen stellen, um sie in Richtung einer „soft“ singularity“ beeinflussen und steuern zu können.

Unabhängig von der Frage, welche ‚Singularität‘ sich durchsetzen wird, zeigt Kelly am Beispiel Tracking in besonderer Weise auf, welches Veränderungspotenzial in der Digitalisierung steckt und wie tief es in unsere Vorstellungen der Gestaltung unseres individuellen Lebens, aber auch der Gesellschaft insgesamt, eingreift.  Besonders der Blick auf Weltregionen und Länder mit totalitärer Vergangenheit oder Gegenwart wird hier besonders viel Widerspruch hevorrufen. Umso wichtiger ist es, bei sehr kritischen Themen die offene Diskussion am Leben zu erhalten und nach Lösungen zu suchen. Nur so werden wir die Chancen der digitalen Zukunft, die sich zum Beispiel etwa durch das IoT ergeben, nutzen können.

Vorsicht vor der Falle einer „Self fulfilling prophecy“

Bereits im Titel seines Buches „The Inevitable“ macht Kelly deutlich, dass er die beschriebene Entwicklung für unvermeidbar hält:

„We can or should attempt to prohibit some of results or manifestations the technological shift, but the technologies are not going away. Change is inevitable. We now appreciate that everything is mutable and undergoing change, even though much of this alteration is imperceptible“.[11]

Gleichwohl erkennt er an, dass der Mensch zwar den universellen Kräften des digitalen Wandels ausgesetzt ist, aber in den Ausprägungungsformen („expressions“) durchaus Gestaltungsmöglichkeiten hat: „But while culture can advance or retard expression, the underlying forces are universal“[12] Und an anderer Stelle:

„We are morphing so fast that our ability to invent new things outpaces the rate we civilize them. These days, it takes us a decade after a technology appears to develop a social consensus on what it means and what etiquette we need to tame it.”[13]

Dabei stellt sich die Frage bezüglich der Unvermeidbarkeit von bestimmten technologischen Entwicklungen. Hier ist erst einmal grundsätzlich zu sagen, dass sich bislang nur wenige Dinge auf lange Sicht als unvermeidbar erwiesen haben. Es gibt die Möglichkeit der Verweigerung, des Rückzugs oder der gesetzlichen Vorgaben, die mitunter spät, aber dennoch kommen.[14] Auch wenn durch viele Evangelisten, aber auch Unternehmen, die Möglichkeit der Regulierung in Frage gestellt wird, so wissen wir, dass es zu jeder Entwicklung eine Gegenentwicklung gibt – und das Resultat in der Mehrzahl der Fälle das Ergebnis der gegenseitigen Einflussnahme ist. Das Problem ist jedoch, dass wir das Ergebnis und den Prozess dahin erst im Rückblick verstehen und erkennen können. Und selbst wenn ein vermeintlich definierter Zustand wie der Atomausstieg eingetreten ist, kann zu einem späteren Zeitpunkt in anderer Form wieder eine Veränderung eintreten, und die Nutzung der Atomenergie in modifizierter Form wieder salonfähig werden. Der Begriff „Unvermeidbar“ generiert dagegen den Eindruck des Ausgeliefertseins, ein Zwang zum Folgen, der sich daraus ergibt, dass wir dabei sein wollen und dabei sein müssen. Hier wird der Begriff zur „Self fulfilling prophecy“.

Einladung zu einem ‚unvermeidbaren‘ Diskurs
So apodiktisch die Thesen Kellys sind und so sehr wir zustimmen, dass (auch technologische) Entwicklungen für eine zeitliche Periode unvermeidbar sind, solange man teilhaben möchte: sie sollten weniger als Vorhersage des Unabänderlichen verstanden werden, sondern als Angebot eines Diskurses. Hier liegt der besondere Verdienst von Kelly. Der Autor hilft, Entwicklungen der Gegenwart zu erkennen, zu interpretieren, und zu verstehen. Er zeigt enorme Potenziale auf, wie z.B. der Hinweis, dass es viele Formen von Intelligenz gibt und Maschinenintelligenz nicht mit der menschlichen Intelligenz gleichgesetzt werden kann. Ebenso werden aber auch Risiken deutlich, die weit über die möglichen Auswirkungen von „Artificial Intelligence“ (AI) hinausgehen.

Wer die Dinge beeinflussen möchte, muss sich konstruktiv mit Ihnen auseinandersetzen. Dies genau sollten wir – und wollen wir tun. Erst die öffentliche Diskussion und die Arbeit in Wirtschaft und Gesellschaft haben in der Rückschau bislang stets einen „Social Consensus“ ermöglicht, der die Vorteile von Technologien in Fortschritt ummünzen konnte. Technologische Fehlentwicklungen widerlegen den Fortschritt nicht grundsätzlich, können aber als Anlass und Ansatz genutzt werden, um Korrekturen anzubringen. Die ganz neue Dynamik der Digitalisierung erfordert eine ganz neue Dynamik der Hinterfragung, die sich bereits heute abzeichnet und von Kelly als Zukunftstrend umrissen wird (Questioning, 11.)[15].

Wenn die Digitalisierung unausweichlich ist, so muss es als unausweichliche Aufgabe verstanden werden, dafür zu sorgen, dass neue Technologien als Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten verstanden werden – und nicht als Mittel der Einschränkung der Humanität. Technologien schaffen Optionen. Sie setzen sich durch, wenn diese Optionen Probleme lösen und den Menschen helfen, Herausforderungen zu meistern. Eine große Herausforderung ist die Frage, wie wir mit der unendlichen Menge Wissen umgehen, die täglich generiert wird, die dafür sorgt, dass wir „Permanent Newbies“ sind. Sie sorgen dafür, dass wir als ewige Neulinge nicht mehr in der Lage sind, etwas vollständig zu beherrschen und beständig der Veränderung ausgesetzt sind. Wenn wir das sich ständig potenzierende Wissen nutzen wollen, müssen die diese Situation akzeptieren, und neue Fähigkeiten entwickeln damit umzugehen. Auch über den Einsatz von neuen Technologien, die uns dabei helfen.

Dies ist der Punkt, an dem wir eine enorme Erweiterung unserer Möglichkeiten erleben. Gleichzeitig müssen wir über das Thema ‚Resilienz‘ nachdenken. Wir sollten uns Gedanken darüber machen, was, bei aller Euphorie, an negativen Effekten auftreten kann und wie wir diese verhindern können. Es gilt, nicht den Kopf in Sand zu stecken, sondern der Aufforderung zu folgen, weiter zu denken.

Beispiel ‚Smart Home‘: Es ist sehr gut, wenn Smart Home-Technologien beispielsweise dabei helfen, die Störung der Privatsphäre und Schäden durch Einbrüche zu vermeiden. Gleichzeitig kann dieselbe Technik aber auch von Einbrechern genutzt werden, sich leichter Zutritt in ein Haus zu verschaffen. Auch kann das beständige Sammeln von Daten im Haushalt zur Beeinträchtigung der Privatsphäre führen, obwohl es das erklärte Ziel ist, mit der Datensammlung nur die Produkte und Services zu verbessern oder neue Anwendungen zu entwickeln. Das Beispiel soll zeigen wie wichtig es ist, die Dinge weiter zu denken und eventuell dementsprechende Korrekturen anzubringen. Wenn wir die Entwicklungen und Trends im offenen Diskurs behandeln, werden bestimmte Ausprägungen nicht unausweichlich. Das Weiterdenken im Diskurs sichert uns die Teilhabe am Wandel. Wir bleiben handelnde und gestaltende Subjekte und nicht Objekte. Die Verweigerung einer Auseinandersetzung durch kritiklose Bejahung oder Ablehnung von Technologien schafft Unausweichlichkeiten. Risiken sind keine Kollateralschäden, sondern nur die Folge der Verweigerung zu Ende zu denken, den Kunden mit Respekt zu behandeln und Problemzusammenhänge im Kontext zu verstehen.

Hier fängt die Herausforderung für Innovatoren an. Und hier trennt sich – möglicherweise erst auf lange Sicht – die Spreu von Weizen oder der Erfolg von Misserfolg.

 

 

[1] Kelly, The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future (Englisch) Gebundene Ausgabe – 7. Juni 2016, S. 4.

[2] Kelly, S. 193 ff.

[3] Die Regulierung ohne Balance der Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft wird als Hemmnis nicht selten kritisch gesehen (vgl. https://www.bearingpoint.com/de-de/unsere-expertise/insights/droht-der-digitalwirtschaft-eine-regulierungsbremse/).

[4] Kelly, S. 207 ff et passim.

[5] vgl. https://www.bearingpoint.com/de-de/unsere-expertise/insights/droht-der-digitalwirtschaft-eine-regulierungsbremse/

[6] Kelly, S. 237 ff.

[7] Vgl. hier die kritische Perspektive in: Ai Weiwei lebt in unserer Zukunft, https://netzpolitik.org/2015/hans-de-zwart-ai-weiwei-lebt-in-unserer-zukunft/

[8] Kelly, S. 261 ff.; zur Entwicklung des privaten Lebens im modernen Sinne siehe auch: P. Aries, G. Duby, Geschichte des privaten Lebens, 5 Bde., 1993.

[9] Kelly, S. 262.

[10] Kelly, S. 294 ff.

[11] Kelly, S. 5.

[12] Kelly, S. 4.

[13] Kelly, S. S.

[14] Siehe https://www.bearingpoint.com/de-de/unsere-expertise/insights/droht-der-digitalwirtschaft-eine-regulierungsbremse/

[15] Kelly, S. 269 ff.

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